Erinnerungen und Gedanken - 47 Jahre Begegnung


Schnetter, Bernhard

Wissen, wo man steht!

Ja, es war manchmal schon ein eigenartiges Gefühl, wenn man von einem Berlin-Treffen in den Alltag nach Würzburg zurückkehrte. Welch ein Gegensatz bereits auf der Heimfahrt. Zunächst mit exakt 100km/h von Berlin auf der - bei diesem Tempo – endlos erscheinenden Autobahn über das Hermsdorfer Kreuz nach Hof und dann der Beginn einer irrsinnig anmutenden Raserei auf der engen kurvenreichen Autobahn in Richtung Bayreuth.

Welch ein Gegensatz auch im beruflichen Alltag. Zum einen war man noch ganz erfüllt, ja manchmal begeistert von den Erlebnissen, den Themen und den intensiven Gesprächen, zum anderen musste man in der nächsten Fakultätssitzung stundenlang z.B. darüber diskutieren, ob ein Biologiestudent als zukünftiger Lehrer nun 30 oder 35 Pflanzen kennen sollte oder ob diese oder jene Vorlesung nun unbedingt 3- statt 2-stündig sein müsste. In der Instituts-Kaffeerunde ging es oft auf gleichem Niveau weiter. Wie ungerecht sei es doch, daß wir Beamten in diesem Jahr nur 8,5% Gehaltserhöhung bekämen, die Arbeiter in der chemischen Industrie aber 10,2%. In diesen Augenblicken fühlte ich mich manchmal wie auf einem anderen Stern. Besonders ärgerlich war es, wenn dann jemand bemerkte „ach ja, Sie waren ja in der Zone“. Natürlich gab es auch Insider, mit denen man im kleinen Kreis ernsthaft über das eine oder andere Problem reden konnte, das uns bei unseren Treffen beschäftigt hatte.

Hinzu kam in jenen Jahren noch Folgendes: Unsere Treffen waren ja nun wirklich keine gefährlichen Unternehmungen, keine Expeditionen in ein unbekanntes, unzivilisiertes Land, aber als bayerischer Beamter unter Franz-Josef Strauß war man verpflichtet, sich beim Kanzler der Universität über die Risiken eines Besuches in der DDR belehren zu lassen - was muss ich vermeiden, um nicht zur Spionage zugunsten der DDR erpresst zu werden.

Man gewöhnte sich allerdings sehr schnell daran, daß sich eigentlich niemand ernsthaft für unsere Fragen interessierte. Dies galt auch für das neue Kollegium in Überlingen. Selbst in der Kirchengemeinde war es nicht besser; dort war auch der Name der offiziellen Patengemeinde (Christdorf bei Kyritz) nicht bekannt. Wen wundert es auch? In einer Ferienlandschaft mit dem freien Blick auf die Schweizer und Österreichischen Berge und mit der Möglichkeit, in wenigen Stunden Italien und Frankreich zu erreichen, vergisst man wohl schnell, was sich hinter seinem Rücken in 500km Entfernung abspielt.

Sei es wie es sei. Mit Sicherheit hat dieser Gegensatz zwischen Berlin-Treffen und dem Alltag dazu beigetragen, manche Selbstverständlichkeiten kritisch zu hinterfragen, manche Probleme als Scheinprobleme zu entlarven und sich seines eigenen Standpunktes bewusst zu werden.

Bernhard Schnetter