Erinnerungen und Gedanken - 47 Jahre Begegnung


Decker, Doris

Baden - Berlin-Brandenburg

Aus der Fülle vieler, in der Erinnerung bleibender Eindrücke, Erlebnisse und Erfahrungen bei der Teilnahme an den Ost-West-Begegnungen seit 1960 möchte ich meine Eindrücke von dem Treffen 1981 zu Papier bringen.

Dazu gibt es eine Vorgeschichte: In meinem Fall eine sehr persönliche, weil sie einen wesentlichen Teil meiner Biographie ausmacht und von den Begegnungen nicht zu trennen ist. Bei meiner ersten Teilnahme als Nord-Badnerin in Westberlin 1960 lernte ich als Teilnehmer Wolfgang aus Süd-Baden kennen. Mal waren wir in den folgenden Jahren ohne Absprache beide bei den Treffen, mal alleine, so wie es die Ausbildung, der Beruf und die Motivation mit sich brachte. Das sollte sich ändern, denn Jahre später kamen wir bewusst gemeinsam, danach als Ehepaar.

Im Verlauf der siebziger Jahre gab es im deutsch-deutschen Verhältnis, ermöglicht durch politische Verhandlungen (Grundlagen-Vertrag), Einreise-Erleichterungen bei Besuchen in der DDR. Für unsere Gruppe bedeutete dies eine mit Freuden wahrgenommene Chance, die Tagestreffen in Ost-Berlin durch mehrtägiges Beisammensein in einem Ort in Brandenburg oder Mecklenburg zu ersetzen. Das Organisationstalent der Freunde in den damaligen Jahren verdiente großes Lob. Das schloss die aufregenden, ja lästigen Grenzkontrollen nicht aus, gab dem Zusammensein jedoch eine neue Qualität und Motivation. Darüber ließ ich mir brieflich und mündlich, auch von Ehemann Wolfgang, ausführlich berichten. Einige Jahre nahm ich nicht an den Treffen teil, die Töchter wurden geboren und wollten versorgt sein.

Durch regen Briefkontakt und Päckchen-Schicken von Ost nach West und von West nach Ost ist die Verbindung zu einem großen Teil der Gruppe immer lebendig geblieben, war jedoch nicht zu ersetzen durch das persönliche Dabeisein.

Endlich, 1981, war ich wieder bei einem Treffen in Flecken-Zechlin dabei, unter für mich zwei wichtigen Aspekten. Einmal das Wiedersehen mit den Ost-Freunden, zum anderen die Einreise in die „richtige DDR“, nicht nur nach Ost-Berlin. Das war denn auch beeindruckend, hat spürbaren „Ein“-druck gemacht und mit Einblick in den Alltag und die Lebensbedingungen vermittelt.

„Alle Not kommt vom Vergleich“ sagt Sören Kierkegaard. So will auch ich in diesem Erlebnisbericht nicht vom Leben im Vergleich Ost-West berichten. Auch wenn ich mich sehr gut daran erinnere, dass ich nach dieser ersten Reise in die DDR danach zu Hause das enorme Bedürfnis hatte, Freunden und Bekannten meine Eindrücke wiederzugeben. Doch nur wenige wollten Genaueres hören und fragten mit spürbarem Interesse nach bei meinem Hinweis auf die Wichtigkeit der Kontakte zu den Menschen, um deren Gefühl der Isolation zu vermindern.

Gleichbedeutend ist für mich die Erinnerung an dieses Treffen in Flecken-Zechlin nach vielen Jahren Pause, wie schnell ich wieder bei den Freunden integriert war, mich rundum wohlfühlte, dazu gehörte, so als wäre ich all die Jahre zuvor dabei gewesen. Es erfüllte mich mit Staunen und Freude; die „Wellenlänge“ stimmte immer noch. Waren es die privaten Gespräche, die aufrecht-erhaltenen Briefkontakte, die Bibelarbeiten, die themenbezogenen Diskussionen, das Singen und Lachen, die Bootsfahrten, die herrliche Seenlandschaft? Ich denke es ist die Summe aller genannten Aufzählungen. Das lässt auch weiterhin Wolfgang und mich - längst sind wir beide Süd-Badener - fast Jahr für Jahr bei den Begegnungen dabei sein. Sie ziehen sich wie ein roter Faden durch unser Leben, machen sensibel für unser politisches Ost-West-Verständnis und wir sind  dankbar, zu dieser Gruppe zu gehören. 


Doris Decker