Erinnerungen und Gedanken - 47 Jahre Begegnung


Bürgelin, Friederike

Erinnerungen, Erlebnisse, Erfahrungen –
45 Jahre Berlin-Brandenburg - Baden Begegnungen

Es war im Frühjahr 1961. Ich war fest in der Evangelischen Mädchen-Pfadfinderarbeit ehrenamtlich verwurzelt. Beim Scharältestentreffen sprach mich damals Else Irmisch aus Eberbach an, doch ein gutes Werk zu tun und zu einem Begegnungstreffen zu ostdeutschen Jugendlichen der Jungen Gemeinde zu fahren. Sie nannte mir Günter Richter, Jugendwart in Weil am Rhein, mit dem ich mich in Verbindung setzte. Ama, damals auch Pfadfinderin, begeisterte sich auch dafür.

Im Juni desselben Jahres stiegen wir in Freiburg in den Interzonenzug nach Berlin, begrüßt von Ulla und Ortrun Bonitz. Von "drüben" kamen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer durchs Schlupfloch Friedrichsstraße mehr oder weniger gut in Westberlin im "Sonnenland" an und wir erlebten als junge gemischte Gruppe viel Schönes, Verbindendes und Bewegendes. Gut in Erinnerung ist mir die intensive Arbeit von Pfarrer Ulrich Rohr mit uns über das Beten. Wie hilfreich das war, wurde zwei Monate später allen bewusst. Der 13. August 1961 mit dem Mauerbau war für uns als Gruppe und für viele menschliche und verwandtschaftliche Verbindungen ein Schock. Unsere neu gewonnenen Schwestern und Brüder waren von heute auf morgen eingeschlossen und den dortigen Machthabern völlig ausgeliefert. Es gab kein Entkommen mehr für sie. Briefe wechselten, doch sie konnten nicht frei formuliert werden, um die "drüben" nicht in irgendeiner Form zu gefährden. Die gefalteten Hände, das Gebet half mancher Situation, manchem Leid und mancher Sorge zu begegnen.

Viele Versorgungslücken und ab und zu ein Extrawunsch ließen sich durch unsere tatkräftige westliche Unterstützung schließen. Das genügte uns allen nicht. Wir wollten die Gemeinschaft, die entstanden war, weiterführen und entwickeln. Wir "Westler" haben uns als "Grenzgänger" betätigt – eine perverse Situation, um von Deutschland-West nach Deutschland-Ost zu gelangen. Das war kein Kinderspiel bei den Übergängen durch all die vielen Posten im Zickzack-Kurs und dem Warten. Es war ein Ausgeliefertsein mit ungewissem Ausgang, begleitet mit schnauziger Abfertigung. Einmal hatte ich als Reiselektüre für die lange Zugfahrt "Das Beste" gekauft. Bei der Einreise wurde das Heft von der Gepäckkontrolle entdeckt. Nach einigem Zögern konnte ich damit passieren. Der Beitrag "Die Narben der Deutschen Teilung" wurde dabei übersehen.

Beim Übergang Friedrichstraße, wo unten im muffigen Durchgang viele Menschen ihren Reisepass abgeben mussten und auf das Aufrufen der Nummer warteten, um weiter abgefertigt zu werden, kam mir plötzlich in den Sinn, die Kontrollposten haben wohl auch Angst, die Menge könnte wild und tatkräftig werden. Nach diesen Gedanken fühlte ich mich nicht mehr so elend. Die strahlenden Gesichter und das Hallo der Brandenburger bei unserem Auftauchen im Stephanus-Stift über lange Jahre hinweg, war das Geschenk für unsere "Strapazen".

Im biblischen und thematischen Gespräch und persönlichem Austausch blieben wir Jahr für Jahr verbunden, wenn auch nicht immer auf einer Ebene, bedingt durch die politische Realität. So wuchs die Begegnungsfamilie zu einer liebgewordenen großen Gemeinschaft, aus der Notsituation geboren, durch bewegte Zeiten - getragen bin an den heutigen Tag. Ich bin dankbar für all diese bewegten Begegnungen, für die intensiven Gespräche und für die gemeinsamen Erlebnisse. Vieles war möglich und wurde geleistet in dieser gemischten Runde auch über die Zeit der Wiedervereinigung hinaus. Die innere Bereicherung ist dadurch für mich ganz persönlich und auch in unserer gewachsenen Gemeinschaft spürbar.

Friederike Bürgelin