Erinnerungen und Gedanken - 47 Jahre Begegnung

Richter, Günter

Streiflichter aus langer Begegnungszeit in Baden und Berlin-Brandenburg

Ja, wir hatten viele Schutzengel, die uns in den nun schon 45 Begegnungsjahren bewahrten. Nicht nur bei gefahrvollen Übergriffen der „DDR-Staatsorgane“, vielmehr noch bei den schier nicht mehr zu zählenden Reisen: zu Lande, zu Wasser und in der Luft.

Ja auch zu Wasser. So in der ersten Gartenfelder Epoche beim gemeinsamen Besuch der im Wannsee liegenden Pfaueninsel mit der „weißen Flotte“. Oder später mit dem etwas zu breiten Kahn in den Kanälen der Rheinsberger Seenplatte. Wer sich z.B. hier aufs Oberdeck begab, musste schon eine hohe Dosis Lebensmut mitbringen. Denn nie war man ganz sicher, vor den Brückendurchfahrten rechtzeitig Deckung genommen zu haben.

Zu Lande? Hier kommen mir tausend Erinnerungen an die nächtlichen Fahrten im lnterzonenzug. Spätestens nach Bebra hörte mit der harschen Stimme der DDR-Pass- und Kontrollorgane jegliche Gemütlichkeit auf. Nicht immer gelang es, im Liegewagen den hart unterbrochenen Schlaf wiederzufinden. Anfänglich kontrollierten die Grenzgenossen nicht direkt im Zug. In Wartha wurden die Reisenden über Lautsprecher „herzlich“ in der DDR willkommen geheißen, zugleich aber aufgefordert, den Zug mit allem Gepäck zu verlassen und sich in die Kontrollbaracke zu begeben. Vor den Kontrolltischen bildete sich alsbald eine mächtige Menschenschlange. Das Wühlen in den Koffern kostete Zeit, was Säuglinge und Kleinkinder veranlasste, beharrlich um die Wette zu schreien. Dieweil blies die Lokomotive der zuerst noch kohlebefeuerten lnterzonenzüge mit lautem Getöse in kurzen Zeitabständen überschüssigen Dampf ab. Wer den Grenzorganen ohne Anstand entkommen konnte, wurde über den rückwärtigen Barackenausgang wieder in die Zugabteile komplimentiert. Mit fahlen, übernächtigten Gesichtern erreichte man schließlich dann den Bahnhof Berlin-Zoo, um alsbald mit der S-Bahn in Richtung Gartenfeld aufzubrechen. War uns das Glück hold, kamen wir trotz des Umsteige-lrrgartens Jungfernheide tatsächlich ans Ziel. Vier Jahre lang nach Gersbach kamen wir noch in den Genuss gemeinsamer Ost-West-Begegnungen im „Sonnenland“ der Berliner Stadtmission. Bald nach unserem fünften Treffen sollte eine schreckliche Mauer 1961 weitere Freizeitpläne in West-Berlin zerstören.

Mit den täglichen Übergängen - meist über den Bahnhof Friedrichstraße - änderte sich auch unser Anreisegefährt. Mit der PAN-Am oder der BEA ging es nun durch die Luft über die Vier-Mächte-Korridore zum Tempelhofer Flughafen. Die relativ lange Flugzeit mit Propellermaschinen bescherte uns stets schmackhafte Menüs. Der Luftlöcher wegen nahmen die dargebotenen Getränke oftmals einen anderen Weg als den zum Mund. So mancher Schwaps landete dann dort, wo man (oder frau) Mühe hatte, die Nässe der Kleidung nicht falsch gedeutet zu bekommen!

In den weiteren Jahren nahmen wir nicht selten das Auto in Anspruch. Insbesondere in den zwölf Jahren unserer Begegnungen direkt in Berlin-Brandenburger Gemeinden. Die Gründe hierfür lagen einmal in den miserablen Möglichkeiten, per Bahn ans Ziel zu kommen. Zum anderen war es aus taktischen Gründen ratsam, sich außerhalb der Begegnungsorte polizeilich anzumelden. Der sonst recht wirksam schnüffelnden STASI konnten wir auf diese Art ein pfiffiges Schnippchen schlagen! Dank Euch Brandenburgernl

1985 fuhren Ilse und ich zur 29.Begegnung nach Kyritz. Es war das Jahr unserer Silberhochzeit. Die Reise führte über llses Heimat, den Harz. Als Übergangsort wählten wir den Autobahnkontrollpunkt Herleshausen-Eisenach. In den letzten Kilometern von hohem Stacheldraht begleitet, trafen wir frühmorgens auf die uns erwartenden Grenzorgane der DDR. An mindestens fünf Boxen standen sie, um uns unter die Lupe zu nehmen. Eine ausgiebige Kontrolle schien uns unvermeidlich. Das Spiel begann - wie immer - mit der Bitte um die Reispässe. Bald kam die Frage nach dem Reiseziel. Gelassen antworteten wir, „Freunde“ besuchen zu wollen. Nach gut einer halben Minute dann die weitere Frage: “Sind das Freunde von der Kirche?“ Von Wahrheit beseelt, blieb uns nur bejahendes Nicken. Wir ahnten jetzt Schlimmes „Steigen Sie aus! Öffnen Sie den Kofferraum. Nehmen Sie das Gepäck heraus...“ Aber nichts von alledem. Freundlich schaute der Grenzer uns an, wünschte uns gute Weiterfahrt und einen angenehmen Aufenthalt in der DDR.

Ein noch größeres Wunder erlebten wir einige Jahre zuvor in Berlin-Staaken. Im Tagebuch dieser 23.Begegnung in Flecken-Zechlin schreibt Ama:
„In diesem Jahr wollten wir zum ersten Mal wagen, unsere Freizeit (18 Jahre nach dem Mauerbau und der letzten Freizeit im Sonnenland 1961) wieder gemeinsam Tag und Nacht zu verleben. Von unseren Freunden ließen wir uns die Aufenthaltsgenehmigungen besorgen und reisten getrennt, z. T. Transit bis Berlin, anschließend zu Fuß oder per Auto weiter in die DDR zu den jeweiligen Adressen. Dort mussten wir uns auf der Polizei an- und abmelden.“

Ilse und ich trennten uns von der kleinen Gruppe, mit der wir bis West-Berlin gemeinsam unterwegs waren. Noch am Abend des damaligen Fronleichnamtages wollten wir Uli Rohr besuchen, der nach einem Verkehrsunfall mit einem russischen Militärkonvoi schwer verletzt in einem Nauener Krankenhaus liegen sollte. Auf dem Wege dorthin mussten wir den Übergang in Staaken passieren. Weit und breit auch hier kein Publikum - Grund genug, sich unser in besonderer Weise anzunehmen. Das übliche Verfahren - siehe oben. Plötzlich drückte der Grenzer auf den Knopf des Handschuhfaches. Tatsächlich fand er einige, für ihn offenbar interessante Schriften. Damit verschwand er - und blieb einige Zeit verschwunden. Dann kam er mit leeren Händen, jedoch mit der Aufforderung zum leitenden Grenzoffizier mitzukommen. Ilse durfte im Auto bleiben. Nach wenigen Schritten zu einem grau-kargen Container begrüßte mich dieser vor meinen ausgebreiteten Schriften: Altner/Richter „Atomenergie - Herausforderung an die Kirchen“- „Gemeindebrief der Emmendinger Christus- und Lutherpfarrei“ - und das ausgearbeitete Referat über die Freizeit. Was blieb mir übrig, als auf die Frage nach dem Autor dieser Schriften ein „positives“ Bekenntnis abzulegen? Und dann der mich überaus verblüffende Satz: „Hätte ich früher einen solchen Pfarrer gekannt wäre ich wohl nicht aus der Kirche ausgetreten.“ Mir verschlug es schier den Atem. In den nächsten fünfzehn Minuten folgte dann ein mir unvergessen bleibendes Gespräch. Aufmerksam verfolgte der Mann meinen beruflichen Werdegang. Alle kontrollierenden Fragen unserer Reise vergessend, entschuldigte er sich schließlich für das lange Gespräch, um mich mit guten Wünschen und meinen Schriften händeschüttelnd und mit dem Rat zu entlassen, solche Sachen nicht mehr ins Handschuhfach zu legen.

Entspannt und dankbar nahmen wir den weiteren Weg unter die Räder. Uli Rohr trafen wir leider nicht mehr an. Wenige Stunden zuvor hatten ihn die Ärzte in ein Ostberliner Krankenhaus verlegt. Gott sei Dank überlebte er den Unfall und bis heute dürfen wir ihn mit Lisa jährlich auf unseren Begegnungen begrüßen. Marginale Geschichten? Streiflichter, Zeichen sollten sie sein für die bewahrende Fürsorge Gottes in den vielen Jahrzehnten unserer geschwisterlichen Begegnungen in harter trennender Zeit. Sollte einer sagen, heutzutage gäbe es keine Wunder mehr!

Günter Richter