Erinnerungen und Gedanken - 47 Jahre Begegnung


Stelter, Hannelore

Erinnerungen

Erinnerungen an unsere Berlin-Brandenburg-Baden-Begegnungen sind für die Jahre bis 1990 meist Erlebnisse an der Grenze – aber auch ein Gefühl der Geborgenheit in einer Gruppe verschiedener Menschen, die schnell zu Freunden wurden.

Ich war 1962 das erste Mal dabei. In unserem Jugendkreis in Engen war der Mauerbau und die Geschehnisse an der Grenzmauer ein ständiges Thema für Gespräche und Gebetsanliegen. Als unser Jugendpfarrer Günter Richter in unserer Jugendgruppe von den Begegnungstreffen erzählte und dass es trotz Mauer weiterhin stattfinden sollte, habe ich mich gleich dafür gemeldet. Bei den anderen Jugendlichen galt ich deswegen als wagemutig.

Unsere Reise nach Berlin begann im Bummelzug nach Basel. Unterwegs stiegen weitere Fahrtteilnehmer dazu. Die meisten kannten sich schon, aber auch als Neuling blieb man nicht lange fremd. Ab Basel ging es mit dem D-Zug weiter und auch hier stiegen immer wieder Leute dazu, die zur Gruppe gehörten. In Berlin waren wir in Sonnenland recht einfach untergebracht, aber wir waren ja auch fast nur zum Schlafen da.

Am nächsten Tag haben wir uns erst einmal die Mauer angesehen. Später ging es in kleinen Grüppchen mit der S-Bahn nach Ost-Berlin. Am Grenzübergang hieß es erst einmal aussteigen zur Passkontrolle, wobei man immer wieder mit Schikanen rechnen musste. Wenn man endlich "drüben" war, ging es weiter zum Tagungsort (Paulinum?). Auch hier war man schnell integriert.

Da sich die meisten schon in Ostberlin auskannten, habe ich mich bei den täglichen Grenzüberquerungen immer an jemanden angeschlossen, der mich mit durchschleuste. Am Sonntag war ich mit Heinrich Gerlach unterwegs. Wir wollten in die Marienkirche zum Gottesdienst. Ich war schon durch die Passkontrolle gekommen. Heinrich wurde nicht durchgelassen, weil den Grenzern sein Passbild nicht gefiel. Was nun? Ich kannte mich nicht aus, denn ich hatte mich auf die anderen verlassen. Ich fuhr allein zur Marienkirche – weil ich aber die Gruppe nicht fand, war ich mir nicht sicher, ob es wirklich die Marienkirche sein sollte. Als ich auch nach längerer Zeit keinen Bekannten fand, fuhr ich irgendwann wieder zurück nach "Sonnenland". Ilse Richter war mit Ines dort geblieben; wir sind dann zusammen Baden gegangen.

Als die anderen abends zurückkamen, waren sie erleichtert, mich zu sehen. Heinrich hatte es an einem anderen Grenzübergang ohne Probleme geschafft. Danach habe ich besser aufgepasst und wusste wohin es jeweils gehen sollte. Obwohl es mir in der Gruppe so gut gefallen hatte, blieb es lange Zeit nur bei Briefkontakten.

1974, jetzt mit Ehemann und der ersten Tochter, machten wir unseren ersten Besuch in Kyritz. Nachdem sich die Familien kennengelernt hatten, wurde der Kontakt enger. Und so kam es, dass Wilfried und ich seit 1976 fast regelmäßig an den Treffen teilgenommen haben. Man war sofort wieder in der Gruppe integriert, man hatte schnell das Gefühl, alle schon lang zu kennen.

Immer noch brachte die Grenze den Tagesplan durcheinander. Morgens dauerte es oft lange, bis der Letzte die "Hürde" genommen hatte und man mit dem Programm beginnen konnte. Abends warteten wir dann gemeinsam in der Pizzeria bis der Letzte wieder in der Knesebeckstraße eintrudelte.

Später kamen die Treffen in Flecken-Zechlin. Für Fuldes und uns immer noch der Lacher: Wie verteilt man zwei Ehepaare am besten in einem Einbett- und in einem Dreibettzimmer? Inzwischen sind wir längst geübte Grenzüberquerer, Trotzdem gab es immer wieder Schikanen, die über das normale Maß hinausgingen. So mußten wir einmal in eine Garage fahren, wo wir zunächst lange warten mussten und dann das Auto und das Gepäck bis in den letzten Winkel durchsucht wurden.

Durch den kleinen Grenzverkehr – unser Landkreis lag im grenznahen Bereich – konnten wir später sogar an den Vortreffen–Ost teilnehmen ohne vorher eine Reisegenehmigung beantragen zu müssen. Oder wir konnten unsere Freunde kurzfristig besuchen.

Nach der Grenzöffnung – teilweise auch schon vorher – kamen endlich auch Gegenbesuche aus Brandenburg und Mecklenburg. Und seither reden wir nicht mehr von Ost-West-Treffen, sondern von Nord-Süd-Treffen.

Hannelore Stelter