Erinnerungen und Gedanken - 47 Jahre Begegnung


Handrack, Hans
Unsere Begegnung mit der Volkspolizei

 

Die nur in Richtung "Osten" offene Grenze ermöglichte uns damals nur Treffen im östlichen Teil Deutschlands. Unsere westdeutschen Teilnehmer konnten mit Tagespassierscheinen in den Ostteil Berlins kommen, umgekehrt war es nicht möglich – wir Ostdeutschen durften nicht nach Westberlin und nach Westdeutschland.

So trafen wir uns vom 14. bis 16. Juni 1974 in einem Gemeindezentrum in der Nähe des S-Bahnhofes Wollankstraße im Norden Ostberlins.

Bärbel und ich wohnen in Dresden und waren bei diesem Treffen die einzigen Teilnehmer aus Sachsen. Wir hatten unsere beiden Kinder an diesem Wochenende zu meinen Eltern nach Radebeul gebracht, unser Sohn Jörg musste am Montagmorgen wieder in die Schule gehen. Dabei hatten wir ihnen versprochen, sie am Sonntagabend spätestens um 19.00 Uhr wieder abzuholen.

Am Sonntag, dem letzten Tag unseres Treffens, gingen wir nach dem gemeinsamen Mittagessen noch etwas spazieren. Anschließend wollten wir uns dann nach einer Auswertung des Treffens und nach einem gemeinsamen Kaffeetrinken, bei dem der mitgebrachte Kuchen gegessen werden sollte, verabschieden. Doch es kam anders.

Beim Spazieren gingen wir am S-Bahnhof Wollankstraße vorbei. Dieser Bahnhof lag unmittelbar an der Grenze, er war geschlossen; die S-Bahn fuhr durch, ohne zu halten. Die S-Bahnanlagen gehörten zum Sperrgebiet. Neben dem Bahnhof hatte man vor den S-Bahnanlagen die Mauer errichtet. Für uns Sachsen, die wir weit weg von der Mauer wohnten, war diese Nähe der Mauer etwas Besonderes, etwas Unheimliches, das ein recht beklemmendes Gefühl aufkommen ließ. Aber den anderen ging es wohl ähnlich.

Beim Spazierengehen hatten sich kleine Gruppen gebildet. Lothar Schönwälder, Dieter Dorer, Wolfgang Baumann, Peter Prey und ich gingen gemeinsam in einer Gruppe und unterhielten uns. Da die drei zuerst genannten von "drüben" kamen und von ihren Problemen erzählten, hatte ich - aus meiner Sicht – gute Gesprächspartner. Nachdem wir uns schon etwas von der Mauer entfernt hatten, zückte einer von ihnen - ich weiß heute nicht mehr, wer es war – seinen Fotoapparat und fragte uns "Darf man hier fotografieren?" Ich zuckte mit den Schultern und Peter ebenso. Aber ohne eine Antwort abzuwarten, hatte er schon die Mauer fotografiert. Er steckte seinen Fotoapparat in die Tasche; wir gingen weiter und setzten unser Gespräch fort.

Nach einigen Minuten kamen zwei Volkspolizisten auf dem Fahrrad und forderten uns auf, stehen zu bleiben, uns auszuweisen und ihnen den Fotoapparat zu geben. Dann wurden wir fünf zum nächsten Volkspolizeiamt gebracht. Die anderen Gruppen von uns hielten einen sicheren Abstand und beobachteten das Geschehen, ohne die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

Auf dem Volkspolizeiamt mussten wir lange warten, wobei erst einmal gar nichts passierte. Man hatte den zuständigen Polizeioffizier gerufen, der aber offenbar nicht zu Hause war. Lothar wurde unruhig. "Man muss uns doch sagen, was man von uns will", forderte er zunehmend lauter. Mir war bei der Sache recht unwohl.

Schließlich kam der Polizeioffizier und wir wurden einzeln verhört. "Warum haben Sie das nicht verhindert?" wurde ich gefragt. Eine Frage, die ich nicht beantworten konnte.

Endlich entschloss man sich, das Fotografieren der Mauer mit der Zahlung einer Strafgebühr zu ahnen, wobei die Zahlung in Westgeld erfolgen sollte. Der Fotograf widersprach nicht, forderte aber eine ordnungsgemäße Quittung, aus der hervorgehen sollte, dass er mit Westgeld bezahlt habe. Dem Offizier leuchtete das ein, aber nun begann sein Dilemma. Er rief in unserem Beisein auf seiner Dienststelle an und wollte sich von dort einen Quittungsblock bringen lassen. Jedoch schien die Dienststelle an diesem Sonntagnachmittag nur schwach besetzt zu sein und offenbar auch nicht mit den fähigsten Leuten. Er bemühte sich intensiv, den Leuten zu erklären, wo sich sein Quittungsblock befindet, aber zunächst ohne Erfolg. Er wurde ungeduldig, seine Stimme wurde lauter und sein Ton schärfer. Es war uns fast peinlich, mit anhören zu müssen, wie er mit seinen Leuten sprach. Aber dabei wurde es später und später. Schließlich bekam er seinen Block, unser Mann bezahlte und wir wurden wieder in die Freiheit entlassen.

Inzwischen war es Abend geworden und wir gingen in das Gemeindezentrum zurück. Dort warteten unsere Frauen in Sorge auf uns. Das Treffen war inzwischen beendet worden, der Kuchen gegessen und die westdeutschen Teilnehmer waren - um Schwierigkeiten für die Gruppe zu vermeiden - gleich nach Westberlin gefahren, die anderen waren abgereist.

Wir fuhren unverzüglich nach Dresden zurück, um unsere Kinder abzuholen. Meine Eltern hatten schon lange auf uns gewartet. Sie schauten mich - so glaube ich zumindest - recht vorwurfsvoll an. Wir haben ihnen aber nicht erzählt, warum wir so spät kamen, um sie nicht zu beunruhigen.

Hans-Gunter Handrack