Erinnerungen und Gedanken - 47 Jahre Begegnung


Bürgelin, Heidrun

Das andere Deutschland

Meine erste Begegnung mit dem "anderen Deutschland" war 1984 im Rahmen eines Schullandheim-Aufenthaltes in Berlin. Eine kleine Gruppe von Schülern machte sich mit einem Lehrer zum "Palast der Tränen" auf. Beim langen Warten und Anstehen kam es mir manchmal vor, als ob wir für ein besonderes Museum so lange warten und ja auch "Eintritt" zahlen müssen. Irgendwann gegen Mittag wurden wir in das "andere Deutschland" eingelassen und manchmal kam ich mir wie auf Besuch vor. Irgendwie war die Kleidung und das Auftreten von uns ganz anders als bei den "Einheimischen".

Die erste "vollwertige" Begegnung mit dem "anderen Deutschland" war dann drei Jahre später auf dem Treffen in Ludwigslust 1987. Vieles war damals doch ganz anders, als einfach nur von Berlin nach Berlin zu reisen. Schon das mindestens dreimalige Wecken während der Nachtfahrt! An Schlafen war da gar nicht zu denken, mal abgesehen von den äußerst bequemen Liegen der Reichsbahn, wo man am Abend darauf immer noch die Abdrücke der einzelnen Sprungfedern am Rücken sehen konnte. Irgendwie kamen wir auch ungeschoren durch die Einreiseformalitäten, wohl hauptsächlich, weil Mutter mir einschärfte bloß nichts Falsches zu sagen – und wer hatte dann doch den "Spiegel" mit einem deutsch-deutschen Thema im Gepäck?
 
Die Reise von Dreilinden über Potsdam – um sich polizeilich anzumelden und Geld zu tauschen – und von dort nach Wilhelmhorst nahm ich eher im Halbschlaf wahr und langsam begann auch der schwere Rucksack mit den vielen Ananasdosen, Kaffee und Bananen gewaltig auf den Rücken zu drücken. So am späten Vormittag konnte unsere Gastgeberin dann mit unserem Besuch rechnen.

Zu den unendlich vielen Eindrücken von der (Ein-)Reise und den bürokratischen Formalitäten, um von Deutschland nach Deutschland zu kommen, gehörte auch der Eindruck einer ganz anderen Erde = Bodens in diesem Teil Deutschlands. Es gab einfach nur Sand, Sand und noch einmal Sand: die Straßen bestanden aus Sand, das Trottoir war aus Sand, überall war Sand. In diesem Sand wuchs – zum Leidwesen unserer Gastgeberin – manchmal der Rasen nur spärlich. Aber die Erdbeeren bei Nachbarns, die dem neugierigen Besuch sehr großzügig angeboten wurden, schmeckten dafür um so besser. Auch wurde dem neugierigen Besuch bei einem feinen Abendessen (frittierter Blumenkohl) erzählt, wie das Leben im anderen Deutschland so verläuft. So konnte man nicht einfach in ein Schuhgeschäft gehen und Schuhe für die Konfirmation kaufen. Dass nicht Angebot und Nachfrage den Markt regeln, sondern dass ein Angebot immer an den langen Schlangen dahinter zu erkennen war. Oder auch der spezielle Marktterminus der "Bückware" wurde mir erklärt.

Von den vollkommen anderen Wertvorstellungen im "anderen Deutschland" war ich bei meiner ersten vollwertigen Begegnung fast überfordert. So hatte der Nachbar ein Studium aus dem mathematischen Bereich absolviert, arbeitete aber fachfremd und eher im handwerklichen Bereich. Oder dass viele Menschen in Potsdam stolz Plastiktüten aus "Meinem Deutschland" spazieren trugen, während ich nicht mehr wusste, wohin mit dem Müll. Das Einkaufen im "Supermarkt" in Wilhelmshorst wurde für mich zum Erlebnis: es war wie in einem Tante-Emma-Laden vor langer Zeit. Die Produktpalette war einfach und überschaubar. Die Produkte standen in schlichten Papier oder Pappverpackungen im Regal. Dort begegnete ich damals auch zum ersten Mal einer blauen, mit Zimt gefüllten Blechdose.

Das "andere Deutschland" gibt es nun so nicht mehr, aus zwei Staaten wurde wieder ein Deutschland. Die Entwicklung dieses neuen Deutschlands zu verfolgen ist spannend, zudem wenn man dies seit Jahren mit etwas Abstand und damit auch manchmal aus einer anderen Sichtweise vom Ausland aus tut. Manches erschreckt mich heute, aber das Wunder der Wiedervereinigung ist noch immer präsent.

Als besondere Erinnerung auch an das alte, das "andere Deutschland", begleitet mich seit knapp einem Jahr eine blau Zimt-Blechdose, die mir Waltraud bei ihrem Besuch in meiner neuen Schweizer Heimat mitbrachte .

Heidrun Bürgelin