Erinnerungen und Gedanken - 47 Jahre Begegnung

Richter, Ilse

Was bedeuten mir die BBB-Treffen,
sprich die Begegnungen Baden - Berlin-Brandenburg?

“Sieben Leben möcht ich (NICHT) haben“ — aber 2 Leben lebe ich, eines vor der Mauer und eines früher, hinter der Mauer; wobei Mauer gleich Grenze durch Deutschland bedeutet, also meine Jahre meint, die vor dem echten Mauerbau liegen.

Zu diesen Lebensjahren drüben, bis zu meinem 16. Lebensjahr nämlich, stellen die BBBs eine ganz wichtige Brücke dar, für die ich sehr dankbar bin. Nur zu gut kannte ich die Atmosphäre, die die Brandenburger bei den Begegnungen mitbrachten oder die ich bei den Treffen drüben empfing und der ich den Rücken gekehrt hatte.

Hatte ich doch 10 Schuljahre im DDR-Staat durchlebt, zum Schluss durchgestanden bis kurz vor dem 17. Juni 1953. Da war ich als aktives Junges-Gemeindeglied auf der Humbold-Oberschule in Nordhausen schon unerwünscht. Die überstürzte Flucht mit dem Fahrrad in Begleitung eines Schulkameraden, in Etappen in den ersten Maitagen 1953, dann in der S-Bahn von Ost- nach Westberlin ganz alleine, nur mit meinem Koffer ausgerüstet, schließlich vor dem angstbesetzten Grenzübergang. Danach glichen alle späteren Gruppenfahrten und Übergänge mit einem westdeutschen Pass Spazierfahrten.

Die jährlichen Ost-West-Begegnungen und Vorbereitungen dazu waren und sind ein glückliches Stück Gemeinsamkeit von Günter und mir. Da kamen und kommen meine eigene Familien- und Lebensgeschichte mit Günters Arbeit, Interesse, Hobby ... zusammen.

Ist doch die Begegnungsgeschichte ein Faden mehr, der mich mit Ostdeutschland, seinen Menschen und seiner Wirklichkeit verbindet. Denn in den ersten Jahren lebten meine Eltern, ein Bruder und seine Familie noch dort und bis heute meine Schwester Erika in Gotha. Durch die Treffen konnte ich jährlich die damalige DDR besuchen, was privat nicht möglich war.

Darum galt und gilt mein Interesse den Themen, die wir vorbereiten und besprachen sowie den biblischen Texten, die beiden Leben - hier und dort - Halt und festen Grund geben.

Besonderes vom Leben in den Pfarrhäusern bei Rohrs und Henschels war mir wichtig zu hören und bei Besuchen zu erfahren. Gab es doch viele Berührungspunkte zu meiner eigenen Familien- und Kirchenerfahrung zu DDR-Zeiten und meinem Alltag als Pfarrfrau im Westen.

Die vielen freundschaftlichen Verbindungen, die durch die Begegnungen wuchsen, waren für mich als Flüchtling im südlichen Westen ein wichtiger Baustein beim Einleben und heimisch werden im anderen Deutschland. So kann ich nur sagen: Wie gut, dass die Verantwortlichen der Treffen und alle Beteiligten die 45 Jahre durchgehalten haben. Für mich sind sie ein Schatz und ein großer Reichtum.

Ilse Richter