Erinnerungen und Gedanken - 47 Jahre Begegnung


Rohr, Uli

Rückschau

Eine Tonbandaufzeichnung

Auf vielfachen Wunsch möchte ich nun doch den Versuch wagen mit meinen 85 Jahren Rückschau zuhalten, obwohl es mir nicht leicht fällt; einmal ist meine Apparatur nicht mehr so in Ordnung, zum anderen macht mir mein Gedächtnis schon einige Jahre doch oft Schwierigkeiten.

Ich war 1957 schon einige Jahre junger Pfarrer in Rosenwinkel im Kirchenkreis Kyritz und hatte daneben die Aufgabe, als Kreisjugendpfarrer für die Junge Gemeinde des ganzen Kirchenkreises dazusein. Diese Arbeit machte mir sehr viel Freude. Dann kam von dem damaligen Landesjugendpfarrer Karl-Heinz Corbach die Anfrage, ob ich nicht an einer Bibelfreizeit für die Kirchen Berlin-Brandenburg und Baden teilnehmen möchte und da mitarbeiten will. Ich habe natürlich zugesagt.

Die Einladung für Berlin-Brandenburg ging vom Landesjugendpfarrer aus und reichte von Wittenberge im Westen bis zur Oder im Osten, von der Uckermark im Norden bis zur Lausitz. Von überall wurden Glieder der Jungen Gemeinde eingeladen. Ich kannte keinen einzelnen davon. Nach langem Hin und Her bekam ich dann von dem damaligen Jugendwart Südbadens Günter Richter die Nachricht, dass alles klappt und dass ich kommen möchte. Und so machte ich mich auf den Weg mit dem Interzonenzug nach Basel-Badischer Bahnhof.

Dort erwartete mich Günter und wir fuhren zu seinen Eltern. Dort haben wir dann die gemeinsame Rüste vorbereitet und fuhren nach ein paar Tagen – soweit ich mich erinnern kann – nach Gersbach hoch und warteten auf das, was kommen sollte. Und sie kamen dann: die Junge Gemeinde aus Berlin-Brandenburg, ein paar mit dem Fahrrad, Helmut und Kurt, andere mit der Bahn; Studenten, Berufstätige, alles mögliche und aus Baden kamen sie dann auch von Heidelberg bis zum Bodensee.

Für mich alles unbekannte Leute und es war also sehr spannend, wie das Alles werden würde. Es war zunächst sehr interessant für uns, die Gespräche untereinander, die Leute aus der Sowjetischen Besatzungszone und die aus Baden, und wir freuten uns auf die gemeinsamen Tage.

Die Tage in Gersbach waren ausgefüllt mit gemeinsamer Arbeit über die Bibel. Wir hatten Themen, an die ich mich jetzt im Einzelnen nicht mehr so genau erinnere. Dann wurde viel miteinander gesprochen, Meinungen ausgetauscht und natürlich auch die Gegend erkundet. Wir haben kurze Spaziergänge gemacht und eine Fahrt durch den Schwarzwald, die für uns Brandenburger natürlich besonders eindrucksvoll war. Dann haben wir miteinander gesungen – Ulla hatte ihre Gitarre mit und zu Ullas Eltern sind wir auch einmal bei Regenwetter gewandert.

Es wurden sehr viele Gespräche geführt – oft bis in die Nacht hinein und so verging die Zeit wie im Flug. Wir waren uns nachher alle einig, wir mussten im nächsten Jahr wieder zusammenkommen. Aber wie – das stand in den Sternen, das wussten wir selbst noch nicht.

Es wurde geplant und vor allem von Günter auch vorbereitet. Aber dann kriegten wir Brandenburger keine Interzonenpässe mehr und das hieß, wir waren auf Westberlin angewiesen. Nach West-Berlin konnten die Badener natürlich auch kommen. Und so wurde das nächste Treffen dann im Jahr 1958 in West-Berlin im Heim "Sonnenland" vorbereitet – im Wesentlichen natürlich von Günter.

Damals ahnte natürlich noch keiner von uns, dass wir nach 45 Jahren immer noch zusammenkommen würden. Für uns Brandenburger kam der Nachwuchs immer mehr aus der Jungen Gemeinde im Kreis Kyritz, aus der Potsdamer Umgebung, und auch aus Baden kamen immer wieder neue Gesichter dazu.

Ja und dann kam 61 die Mauer und damit war für uns die Fahrt nach West-Berlin ganz ausgeschlossen. Aber damals waren wir schon soweit, dass wir sagten, nun muss es weitergehen. Mit Hilfe von Erhard, der damals im Paulinum war, wurde dann beraten und beschlossen, daß wir in Ost-Berlin weitermachen. Die Badener mussten nun immer – jeden Tag – wenn sie kamen, über die Grenze, während wir einfach in Ost-Berlin bleiben konnten.
Allmählich lockerten sich die Reisebestimmungen, so dass auch für uns gegenseitige Besuche möglich und auch durchgeführt wurden. Wir konnten zwar nicht in die BRD fahren, dafür kamen aber unsere Freunde zum Treffen jedes Jahr zu uns in die DDR.

Für mich kam dann die Zeit, dass ich mich immer mehr aus der organisatorischen Leitung der Gruppe zurückziehen musste. Einmal aus dienstlichen Gründen, weil ich Superintendent wurde und wenig Zeit hatte, andererseits auch aus persönlichen Gründen. Da kam der schwere Unfall dazu, so dass ich immer mehr behindert war und dann die Erblindung. Aber auf der anderen Seite war es so, daß Erhard immer mehr in die Aufgabe hineinwuchs und das alles sehr schön bis auf den heutigen Tag weiterführen konnte.

Ich kann nur sagen,  dass ich aus diesem Kreis, aus dieser Verbundenheit her doch sehr viel Kraft und immer wieder neue Impulse bekommen habe, obwohl ich nachher bloß nur noch Zuschauer war und Besucher. Ich bin gerne gekommen und soweit es möglich war, sind Lisa und ich immer wieder hingefahren und haben die gegenseitige Verbundenheit doch sehr genossen.

Inzwischen sind aus den jungen Leuten von damals Eltern und Großeltern geworden und wir, Lisa und ich sind dankbar, dass wir immer noch beide teilnehmen und in der Gruppe dabei sein können. Ilse und Günter sind ein paarmal hier bei uns zu Besuch gewesen.

So wünsche ich uns noch viele gemeinsame gute Tage und dass es dabei bleibt:

"Lasst uns miteinander singen, beten, loben den Herrn."


Uli Rohr, Wardenburg