Erinnerungen und Gedanken - 47 Jahre Begegnung


Zipf, Ulla und Walter

Farbtupfer unserer Ost-West-Begegnungen

Jedes Jahr war die Freude groß, sich mit der „Ost-Gruppe“ zu treffen, sie wieder zu sehen und einige Tage mit den liebgewordenen Freunden zusammen zu sein. Aber dabei stellte sich auch immer wieder ein flaues Gefühl in der Magengegend ein. Wird alles gut gehen, kommen wir ungeschoren durch die Grenze und wieder zurück? Ein klein wenig beherrschte aber auch Trotz unsere Gefühle, es den Funktionären zu zeigen, nicht nachzulassen im Bemühen, die Einreise zu beantragen und dann zum gegebenen Termin an der Grenze zu erscheinen. Die immer wiederkehrende Prozedur des Wartens, den Pass abgeben, „Drehen Sie mal den Kopf und zeigen Sie das linke Ohr“ , die abschätzenden Blicke der Zöllner und - meistens noch schlimmer – die der Zöllnerinnen, dies alles war sehr lästig. Gerade bei der Ein- und Ausreise spürte man die Willkür und das Machtgehabe besonders schmerzhaft. Wer kann sie verdenken die Erleichterung, die uns jedes Jahr neu überkam, wen die letzte Kontrolle hinter uns lag und uns bewusst wurde: Wir sind wieder im Westen.

Ich selbst hatte als Rollstuhlfahrer einen kleinen Bonus. Wenn ich der Aufforderung „Steigen Sie bitte aus“ nicht folgte und plötzlich einen strengen Blick auf mich gerichtet sah, musste ich nur sagen „Ich bin behindert, ich bin Rollstuhlfahrer“. Sogleich erhellte sich wieder der Blick und die Abfertigung ging etwas freundlicher vonstatten. Dieser Bonus war natürlich verführerisch und unser lieber Günter Richter machte davon gerne Gebrauch. So ergab sich einmal eine höchst delikate Situation, die dann aber doch ohne Schaden überstanden wurde.

Ulla und ich waren mit dem Flugzeug nach Berlin gekommen. In der Pension Elfert in der Knesebeckstraße  war unser Gruppenquartier. Ama und Bernhard reisten mit dem Auto an; sie boten mir an, mich mit dem Auto nach Ostberlin mitzunehmen. Das war eine große Erleichterung. Freitagmorgen nach dem Frühstück war der erste Aufbruch nach Ostberlin. Die nötigen Absprachen und Hinweise, was zu sagen war und was wichtig ist, waren ausgetauscht; es konnte losgehen. Da kam Günter aufgeregt an unser Auto mit einem Stoß Liedblätter und meinte: „Die könnt ihr mitnehmen, der Walter soll draufsitzen (!), einfach den Stoß unter dem Sitz verstauen.“ So wurde es gemacht. Ama und Ulla standen mit besorgtem Blick dabei, aber alle dachten, es wird schon gut gehen. Ama ging noch einmal zurück ins Haus, da kam Ulla zu mir ans Auto uns sagte: „Die Liedblätter dürfen nicht unter deinem Kissen bleiben, ich habe Angst!“ Ich versuchte lachend sie zu beschwichtigen, aber Ulla ließ nicht locker und beharrte darauf, dass die Blätter weg müssten. Wo sollen sie denn dann hin? „Stecke sie in dein Hemd, du hast eine Jacke an, da sind sie sicherer.“ Die Blätter wurden unter dem Kissen hervorgeholt und im Hemd verstaut. Ama kam zurück und die Fahrt konnte losgehen.

Am Übergang Bornholmer Straße waren die üblichen Warteschlangen, trotzdem ging es relativ zügig in Richtung Kontrollposten. Das übliche Ritual begann: „Alles aussteigen, was haben Sie dabei?“ Zu mir gewandt nochmals die Aufforderung: „Aussteigen!“ Ich sagte meinen Spruch und damit konnte ich den Beamten beruhigen. Durchsuchen des Autos, Tankdeckel öffnen, Zollformalitäten abwickeln – alles lief wie gewohnt. Doch plötzlich kam der Zollbeamte wieder zu mir und wollte, dass ich mich hochhebe, damit er besser unter den Sitz schauen konnte. „Nehmen Sie bitte das Sitzkissen heraus“ war die nächste Aufforderung. Ulla kam an das Auto und zog das kleine Sitzkissen unter meinem Po weg. „In Ordnung – Sie können einsteigen, Auf Wiedersehen!“

Die arme Ama stand sprachlos daneben und verstand die Welt nicht mehr. Als sie die Aufforderung hörte, das Kissen herauszuziehen, wäre sie am liebsten im Boden versunken. Als sie aber sah, dass nichts unter dem Kissen war, keine Liedblätter, einfach nichts, da war sie zu keinem Kommentar mehr fähig!.

Als wir außerhalb des Grenzbereiches waren, konnten wir für sie die Situation lachend und erleichtert aufklären. Ama hatte das Drängen von Ulla und den Umzug der Liedblätter an meine Brust nicht mitbekommen und stand daher wie versteinert vor Schreck neben ihrem Auto.

Die Anspannung und Erleichterung wie wir sie bei dieser Situation erlebt haben, können sicher alle diejenigen nachempfinden, die selbst an der Grenze gestanden haben und Kontrollen über sich ergehen lasse mussten.

Ulla und Walter Zipf