Erinnerungen und Gedanken - 47 Jahre Begegnung


Meier, Willi

Wie ich dazu gefunden habe

Seit 1949 war ich bei der Evangelischen Gemeindejugend in Tiengen angeschlossen. Wir hatten hintereinander verschiedene Jugendleiter, die zu begeistern wussten, so Bernhard Moeller, später Professor für evang. Kirchengeschichte in Göttingen und Wolfgang Klug, später Dekan in Eberbach. Von 1957 – 1962 war ich selbst Leiter. In dieser Zeit kam oft Günter Richter zu uns in seiner Eigenschaft als Bezirksjugendwart für das Dekanat Konstanz, zu welchem Tiengen als westlichster Zipfel gehörte. Weitere Kontakte gab es bei Bezirksjugendtreffen.

Von Angeboten der Landeskirche für überregionale Freizeiten wurde in den 50er-Jahren in Tiengen kaum Gebrauch gemacht. Mich hat dann 1960 das Angebot für eine Begegnungsfreizeit, die von Günter Richter ausgeschrieben war, angesprochen. Hauptgewicht meines Interesses lag dabei zugegebenermaßen auf „Berlin sehen“. So habe ich meinerseits 1960 die Begegnung im Haus „Sonnenland“ mitgemacht. Für mich waren die Teilnehmer bis auf Günter Richter alle unbekannt. Unsere Gemeinsamkeit war, dass wir alle aus der Evang. Jugend kamen, wo z.B. bei uns in Tiengen unser Leitwort galt: „Einer ist unser Meister, wir aber sind alle Brüder“.

Die Tage in Sonnenland waren schön, jeder musste sich einfühlen und einfügen; es war abwechslungsreich und die Tage waren schnell vorüber. Zu Hause dann die Feststellung, daß ich eigentlich keine tieferen Kontakte geknüpft hatte, andererseits haben mich die neu-kennengelernten Leute aus dem Osten doch interessiert. Ich selbst habe keinerlei Verwandte oder bekannte im Osten gehabt und deshalb war für mich das Thema DDR nie akut.

Von zu Hause habe ich dann an einige der neuen Bekannten Postkarten mit Grüßen aus der Heimat geschickt – und es kamen Antworten. Das waren praktisch die ersten Fäden. Mit den westlichen Teilnehmern war im Herbst ein Bildertreffen auf der Küssaburg. Da hat man sich dann schon von Berlin her gekannt und es haben sich auch hier engere Kontakte ergeben.

An der Begegnungsfreizeit 1961 war ich nicht dabei, aber Reinhod Barth aus Tiengen machte mit und ich wurde von ihm über den Ablauf und über die Dabeigewesenen gleich informiert. Das Bildertreffen für die badischen Teilnehmer war wieder auf der Küssaburg  und dort wurde für mich der Grundstein gelegt für die weitere Zugehörigkeit zur Gruppe bis heute. Ursächlich war der Mauerbau am 13.8.1961.

Günter Richter hat damals die Frage in den Raum gestellt, ob wir die Verbindung zu den Freunden aufrecht erhalten wollen oder ob die Mauer auch für uns die Teilung bedeutete. Es gab für uns Westler ja die Möglichkeit, durch die Mauer zu schlüpfen und uns in Ostberlin zu treffen. Sein Appell an uns war aber auch, dass diejenigen, welche in der Vergangenheit dabei waren, mitmachen müssten, denn für neue Leute wäre es unter Umständen schwer, drüben den Anschluss zu finden. Dieser Appell hat mich damals angesprochen und irgendwie war auch das Bewusstsein da, hier sollst du dich in die Pflicht nehmen lassen. Und so war ich 1962 wieder dabei unter den veränderten Gegebenheiten; die Westler waren in Westberlin untergebracht, die Ostler in Ostberlin.

Das Jahr 1966 war für mich eine echte Krise. In diesem Jahr wurde ich an allen drei Tagen beim Übergang ins „Kabüffchen“ genommen und ausgefragt. Am ersten Tag musste ich den Inhalt von Brieftasche und Geldbeutel auf den Tisch legen und wurde über jeden Zettel befragt. Am zweiten Tag die gleiche Prozedur, nur hatte ich nur noch den Ausweis eingesteckt. Die Frage nach der Brieftasche habe ich verneint und wurde angeherrscht: „Ein junger Mann wie Sie hat doch eine Brieftasche“. Meine Antwort war dann, dass man mich schon gestern wegen der Brieftasche geärgert habe und ich deshalb keine mehr eingesteckt habe. Am dritten Tag wurde ich erneut aus der Reihe genommen. Sich als Tourist auszugeben, war nicht gut möglich, weil man ja die kleinen Geschenke dabei hatte. Von Günter waren wir aber gut präpariert und wollten nur einen „Cousin“ treffen. Nach dieser Begegnung habe ich mir die Frage gestellt, „Warum und weshalb nimmst Du diese Schikanen auf Dich, lass es doch sein“. Günter hat mich dann aber wieder aufgerichtet mit dem Hinweis „Denke immer daran, Du tust nichts Verbotenes und es kann Dir deshalb auch nichts passieren, und wenn auch die Übergänge mit noch so viel Nervenkitzel verbunden sind“.

In einem späteren Jahr habe ich bei einem erneuten „Kabüffchenbesuch“ dem Grenzer gesagt, er möge doch einmal zu uns an die Schweizer Grenze kommen, ich würde ihm gerne zeigen, wie man Grenzkontrollen auch machen kann. Dieses provokante Angebot hatte für mich zum Glück keine Folgen.

42 Jahre Rückblick: Die Begegnungen haben mein Leben bereichert. Die gemeinsamen Tage waren ein Loslösen vom Alltag. Während der Jahre, in denen man durch die Mauer schlüpfen musste, war auch stets das Gefühl dabei, du zeigst unsern Schwestern und Brüdern hinter der Mauer deine Verbundenheit als Christ.. Aber es war auch eine Bereicherung; Freundschaften sind gewachsen und die Treffen in der DDR selbst – in den 70er und 80er Jahren – haben mich schon vor dem Fall der Mauer 1989 mit den östlichen Landesteilen bekannt gemacht. Aufgrund der Berichte unserer Freunde konnte man die Nachrichten in unseren Medien über die DDR, die oft sehr einseitig waren, kritisch und besser beurteilen.

Willi Meier