Begegnungen Baden - Berlin-Brandenburg


Marktplatz       Der Platz für Berichte (was man sich halt so auf dem Markt erzählt ...)

Ein Vormittag bei...

Günter Richter: die Stimme der Anderen

Taufen, predigen, Abgründe überbrücken helfen: Günter Richter, 81, evangelischer Pfarrer im Ruhestand, hat den Konflikt um Wyhl mit befriedet. Gerhard Kiefer hat ihn besucht.

Günter Richter mit einem Stück des Todeszauns an der deutsch-deutschen Grenze Foto: kiefer

Eigentlich will Günter Richter zur Bahn. Doch als er 1948 in Weil am Rhein konfirmiert wird, elektrisiert ihn der Denkspruch des Tages aus dem Johannes-Evangelium: "Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt." Der junge Mann vom Niederrhein lernt zwar noch Industriekaufmann und arbeitet zwei Jahre im Dreiländereck als Buchhalter, dann aber orientiert er sich neu. Als evangelischer Pfarrer wird Günter Richter indes nicht nur taufen, predigen und beerdigen. Sondern vor allem ganz unterschiedliche Abgründe überbrücken helfen. Gerhard Kiefer hat ihn besucht.

Steckte er in einem "blauen Anton", ginge Günter Richter glatt als Elektriker durch. Zumal man ihm seine 81 Jahre nicht ansieht. Doch der vieradrige Verteiler mit den daumendicken Kabeln, den er vom Regal nimmt, ist alles andere als ein übliches Anschlussstück. Es hat dem Elektrozaun der DDR einst jene tödliche Hochspannung geliefert, die den nach Westen flüchtenden Menschen zum Verhängnis wurde. Richter bewahrt dieses Exponat als eine Art Trophäe des Triumphes auf. Denn auch er hat diese DDR ein bisschen besiegen geholfen. Fast 60 Jahre hat er als Seelsorger deutsch-deutsches Miteinander verwirklicht und so Brücken erhalten oder neue gebaut.
 
Wie konnte ihm das gelingen? Seine "mikroskopisch kleine, aber nie unterbrochene Spur meiner deutsch-deutschen Geschichte" beginnt 1957 als Jugendpfarrer am Hochrhein. Seither organisiert und leitet er Jahr um Jahr Begegnungen protestantischer Christen aus den Landeskirchen Baden und Berlin/Brandenburg. "Nichts konnte uns aufhalten, uns mit den Menschen drüben zu treffen, auch kein Stacheldraht". Mehr als 2000 Menschen nehmen bis 2014 an diesen Treffen teil.

Richters schön gebundene und illustrierte Tagebücher dokumentieren lückenlos alle 58 Begegnungen. Auch seinen Seufzer von 1967, "unsere Generation" werde die Wiedervereinigung nicht mehr erleben. Tagebücher als Zeitgeschichte. "Ein wunderbares Geschenk", freute sich Udo Wennemuth, der Leiter des Landeskirchenarchivs, jetzt bei der Übergabe in Karlsruhe, "und ein sehr schönes Kapitel unserer Kirchengeschichte." Dagmar Zobel, die Freiburger Prälatin, nannte es "eine große Ehre, dass Sie uns diese Tagebücher übergeben".

Fast sechs Jahrzehnte hat sich diese Verbindung zwischen Baden und Brandenburg bewährt, viele Jahre gehörten Päckchen und Pakete von West nach Ost dazu. Nach dem Wunder der Wende dankt das wiedervereinigte Deutschland Günter Richter sofort: Bundespräsident Richard von Weizsäcker dekoriert ihn schon 1991 mit dem Bundesverdienstkreuz. Auf Antrag des Stadtpräsidenten von Potsdam, der 1957 gleich bei der ersten Begegnung dabei war.

Landesbischof Ulrich Fischer hat Richter 2006 attestiert, "mit viel Herzblut und Freude die Begegnungen zwischen Ost und West auch nach der Wende" gesehen zu haben. Brücken gebaut hat der Pfarrer im Übrigen auch, als er nach dem Mauerbau mehrere Jahre "Kurier ging" und wichtige Dokumente der evangelischen Kirche inkognito von West- nach Ostberlin trug. Keine Angst, an der Mauer erwischt zu werden? "Das Risiko war erheblich", sagt er, mehr nicht.

Eine besondere Brücke zu bauen half Günter Richter als Pfarrer in Emmendingen. Als die Stadt 1990 ihre Partnerschaft mit der schönen Bischofsstadt Sandomierz an der Weichsel besiegelte, trug er sie auch aus dem Gedanken der Versöhnung mit Polen von Anfang an mit. Richter begleitete Emmendinger Hilfsgüterkonvois nach Polen, seine privaten Bande dorthin halten bis heute. Der katholische Prälat Ignacy Ziembicki reichte beim Festgottesdienst zur Verschwisterung in der Kathedrale von Sandomierz dem evangelischen Mitbruder aus Emmendingen dankbar die Kommunion.

Wer Günter Richter in Freiburg besucht, trifft einen Mann, der sich Zuversicht bewahrt. Kein leergepredigter oder resignierter Seelsorger wie so manche betagte Pfarrer gleich welcher Konfession. Vor der Pensionierung wirkte er am Freiburger Diakoniekrankenhaus als Seelsorger sowohl der Patienten wie der Schwestern und als Vorsitzender des Vorstandes. Die Diakonie dankte es ihm mit dem Kronenkreuz in Silber. Mit dem, was er im Beruf und mit seinen Engagements erreicht hat, wirkt er zufrieden, ja ein bisschen stolz. Privat sowieso: Mit seiner Frau, einer Erzieherin, ist er 54 Jahre verheiratet. Ihre drei Kinder haben Ilse und Günter Richter sechsfache Großeltern werden lassen.

Wie aber wurde Günter Richter zur Persönlichkeit der Zeitgeschichte am Oberrhein? 1971 fand er am Atomkraftwerk Obrigheim gut, Energie zu erzeugen, ohne fossile Stoffe zu verbrennen und die Umwelt zu belasten. Als er als Pfarrer in Weisweil aber sieht, wie das im Nachbardorf Wyhl geplante Atomkraftwerk durchgesetzt wird, denkt er um. Dass ein hochrangiger Polizist Richter eine wichtige Info anvertraut, er sofort Landesbischof Heidland erreicht und dieser in der Nacht Regierungschef Hans Filbinger beschwört, den für den Morgen geplanten massiven Polizeieinsatz zu stoppen, hat Schlimmeres verhindert. In seinem Pfarrhaus handelten der Vorsitzende der CDU-Landtagsfraktion Lothar Späth und die Kontrahenten jenen Kompromiss aus, der als "Offenburger Erklärung" zum Einstieg in den Ausstieg aus Wyhl wurde. "Danach", so Richter, "war der Bau politisch nicht mehr möglich."

Heute bekennt Günter Richter, Wyhl sei für ihn immer mehr gewesen als nur eine Frage der Stromerzeugung: "Ein Test vor allem darauf, wie der Mensch mit der Schöpfung umgeht." Und als Theologe sieht er den Namen dieses Dorfes am nördlichen Kaiserstuhl als "exemplarisch auch dafür, wie die Kirche zur Stimme derer wurde, die keine Stimme haben".
rd, elektrisiert ihn der Denkspruch des Tages aus dem Johannes-Evangelium: "Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt." Der junge Mann vom Niederrhein lernt zwar noch Industriekaufmann und arbeitet zwei Jahre im Dreiländereck als Buchhalter, dann aber orientiert er sich neu. Als evangelischer Pfarrer wird Günter Richter indes nicht nur taufen, predigen und beerdigen. Sondern vor allem ganz unterschiedliche Abgründe überbrücken helfen. Gerhard Kiefer hat ihn besucht.

Steckte er in einem "blauen Anton", ginge Günter Richter glatt als Elektriker durch. Zumal man ihm seine 81 Jahre nicht ansieht. Doch der vieradrige Verteiler mit den daumendicken Kabeln, den er vom Regal nimmt, ist alles andere als ein übliches Anschlussstück. Es hat dem Elektrozaun der DDR einst jene tödliche Hochspannung geliefert, die den nach Westen flüchtenden Menschen zum Verhängnis wurde. Richter bewahrt dieses Exponat als eine Art Trophäe des Triumphes auf. Denn auch er hat diese DDR ein bisschen besiegen geholfen. Fast 60 Jahre hat er als Seelsorger deutsch-deutsches Miteinander verwirklicht und so Brücken erhalten oder neue gebaut.

Wie konnte ihm das gelingen? Seine "mikroskopisch kleine, aber nie unterbrochene Spur meiner deutsch-deutschen Geschichte" beginnt 1957 als Jugendpfarrer am Hochrhein. Seither organisiert und leitet er Jahr um Jahr Begegnungen protestantischer Christen aus den Landeskirchen Baden und Berlin/Brandenburg. "Nichts konnte uns aufhalten, uns mit den Menschen drüben zu treffen, auch kein Stacheldraht". Mehr als 2000 Menschen nehmen bis 2014 an diesen Treffen teil.

Richters schön gebundene und illustrierte Tagebücher dokumentieren lückenlos alle 58 Begegnungen. Auch seinen Seufzer von 1967, "unsere Generation" werde die Wiedervereinigung nicht mehr erleben. Tagebücher als Zeitgeschichte. "Ein wunderbares Geschenk", freute sich Udo Wennemuth, der Leiter des Landeskirchenarchivs, jetzt bei der Übergabe in Karlsruhe, "und ein sehr schönes Kapitel unserer Kirchengeschichte." Dagmar Zobel, die Freiburger Prälatin, nannte es "eine große Ehre, dass Sie uns diese Tagebücher übergeben".

Fast sechs Jahrzehnte hat sich diese Verbindung zwischen Baden und Brandenburg bewährt, viele Jahre gehörten Päckchen und Pakete von West nach Ost dazu. Nach dem Wunder der Wende dankt das wiedervereinigte Deutschland Günter Richter sofort: Bundespräsident Richard von Weizsäcker dekoriert ihn schon 1991 mit dem Bundesverdienstkreuz. Auf Antrag des Stadtpräsidenten von Potsdam, der 1957 gleich bei der ersten Begegnung dabei war.

Landesbischof Ulrich Fischer hat Richter 2006 attestiert, "mit viel Herzblut und Freude die Begegnungen zwischen Ost und West auch nach der Wende" gesehen zu haben. Brücken gebaut hat der Pfarrer im Übrigen auch, als er nach dem Mauerbau mehrere Jahre "Kurier ging" und wichtige Dokumente der evangelischen Kirche inkognito von West- nach Ostberlin trug. Keine Angst, an der Mauer erwischt zu werden? "Das Risiko war erheblich", sagt er, mehr nicht.

Eine besondere Brücke zu bauen half Günter Richter als Pfarrer in Emmendingen. Als die Stadt 1990 ihre Partnerschaft mit der schönen Bischofsstadt Sandomierz an der Weichsel besiegelte, trug er sie auch aus dem Gedanken der Versöhnung mit Polen von Anfang an mit. Richter begleitete Emmendinger Hilfsgüterkonvois nach Polen, seine privaten Bande dorthin halten bis heute. Der katholische Prälat Ignacy Ziembicki reichte beim Festgottesdienst zur Verschwisterung in der Kathedrale von Sandomierz dem evangelischen Mitbruder aus Emmendingen dankbar die Kommunion.

Wer Günter Richter in Freiburg besucht, trifft einen Mann, der sich Zuversicht bewahrt. Kein leergepredigter oder resignierter Seelsorger wie so manche betagte Pfarrer gleich welcher Konfession. Vor der Pensionierung wirkte er am Freiburger Diakoniekrankenhaus als Seelsorger sowohl der Patienten wie der Schwestern und als Vorsitzender des Vorstandes. Die Diakonie dankte es ihm mit dem Kronenkreuz in Silber. Mit dem, was er im Beruf und mit seinen Engagements erreicht hat, wirkt er zufrieden, ja ein bisschen stolz. Privat sowieso: Mit seiner Frau, einer Erzieherin, ist er 54 Jahre verheiratet. Ihre drei Kinder haben Ilse und Günter Richter sechsfache Großeltern werden lassen.

Wie aber wurde Günter Richter zur Persönlichkeit der Zeitgeschichte am Oberrhein? 1971 fand er am Atomkraftwerk Obrigheim gut, Energie zu erzeugen, ohne fossile Stoffe zu verbrennen und die Umwelt zu belasten. Als er als Pfarrer in Weisweil aber sieht, wie das im Nachbardorf Wyhl geplante Atomkraftwerk durchgesetzt wird, denkt er um. Dass ein hochrangiger Polizist Richter eine wichtige Info anvertraut, er sofort Landesbischof Heidland erreicht und dieser in der Nacht Regierungschef Hans Filbinger beschwört, den für den Morgen geplanten massiven Polizeieinsatz zu stoppen, hat Schlimmeres verhindert. In seinem Pfarrhaus handelten der Vorsitzende der CDU-Landtagsfraktion Lothar Späth und die Kontrahenten jenen Kompromiss aus, der als "Offenburger Erklärung" zum Einstieg in den Ausstieg aus Wyhl wurde. "Danach", so Richter, "war der Bau politisch nicht mehr möglich."

Heute bekennt Günter Richter, Wyhl sei für ihn immer mehr gewesen als nur eine Frage der Stromerzeugung: "Ein Test vor allem darauf, wie der Mensch mit der Schöpfung umgeht." Und als Theologe sieht er den Namen dieses Dorfes am nördlichen Kaiserstuhl als "exemplarisch auch dafür, wie die Kirche zur Stimme derer wurde, die keine Stimme haben".