Begegnungen Baden - Berlin-Brandenburg


1972 in Berlin

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Bericht:                                                                                  
Drei Tage in Ost-Berlin 1972

„Im Jahre der fünften Mondlandung, der Diskussionen und Verabschiedung der Verträge mit der Sowjetunion und Polen, der XX. Olympischen Spiele und im 27. Jahr des Krieges von Vietnam...“

 
Diese Sätze stehen auf einer Urkunde, die in den Grundstein einer benachbarten Kindertagesstätte eingebaut wurden.

In diesem so also „denkwürdigen“ Jahr versammelten wir uns zum 16. Mal als Mitarbeiter und Glieder der Lan­deskirchen von Baden und Berlin-­Brandenburg. Mitarbeiter im weiten Sinne des Wortes.

Der günstigen Feiertagskonstellation wegen wählten wir zur Begegnung die Tage um den 1. Mai als verlänger­tes Wochenende. In meist bis an den Rand gefüllten Maschinen zog es uns durch die Luftkorridore in die Be­gegnungsstadt. Wenn man die Teilnehmerliste beschaut, so glich auch diese Anreise einer südwestdeutschen „Sternfahrt“ mit dem Ziel Berlin.

Wir versammelten uns am Abend im Frühstückszimmer der alten, heimeligen und darum empfehlenswerten Pension ELFERT in der Knesebeckstraße nahe dem Bahnhof Zoo. Die besondere Attraktion des Frühstücks­zimmers ist die mit persönlicher Widmung unterschriebene Fotografie des derzeit amtierenden Bundespräsi­denten G. Heinemann, der in früheren „einfache­ren“ Zeiten hier oft und gerne Quartier bezog.

Nach Erledigung einiger technischer Formalitäten und einem ersten Aufriss der vor uns liegenden Tage geneh­migten wir uns einen gemüt­lichen Auftakt im Funkturm-Restaurant.

 
Drei Tage in Ost-Berlin

Der Übergang am ersten Tag begann mit einer zweistündigen Grenz­strapaze im Unterführungsbereich des Bahnhofs Friedrichstraße. Wie wohl immer war die Luft am Wochenende zum Schneiden eingerichtet und mit hohen Phonzahlen aus den Lautsprechern angefüllt. Die Kontrollen verliefen an allen Tagen insgesamt zügig, korrekt und in der Zollab­fertigung ohne die in früheren Jahren beobachteten „Filzereien“. Es fiel auf, dass das Zollhäuschen am Ausgang zur „Hauptstadt der DDR“ nicht besetzt war. Bei den jeweiligen „Rückwanderun­gen“ am Abend gab es so gut wie keine Wartezeiten. Nur vor den „Quarzlampenzellen“ bil­deten sich hin und wieder längere Schlangen. Das hing wohl damit zu­sammen, dass verschiedene Leute links und rechts verwech­selten und das richtige Ohr nicht schnell genug dem Dienst habenden Grenzoffizier zu­ zeigen vermochten.

 Mit der S-Bahn kamen wir in weniger als 30 Minuten in unser Begeg­nungszentrum in Karlshorst - ein evang. Gemeindehaus. Das ursprüng­lich vorgesehene Begegnungsziel konnten wir wegen der kurzfristigen Umdispo­sition des Termins nicht ansteuern.

Das Gemeindehaus stand uns bis auf wenige Stunden am Sonntagnachmittag allein zur Verfügung, so dass die Gespräche unbehelligt und ohne allzu viele andere Ohren und Augen geführt werden konnten. Die Begegnungs­atmosphäre war von Anfang an unbefangen, fröhlich, fast familiär, was durch die zahlreichen früheren Begeg­nungen schließlich auch nicht ver­wundert. Die Erst-Teilnehmer beeindruckte dies in besonderer Weise. Schon nach wenigen Stunden fühlten sie sich „zu Hause“ und keinesfalls als „Fremdkörper“.

Nach einer kurzen Ost-West-Information, nach Mittagessen im Gasthaus (Nähe S-Bahnhof Karlshorst) und den mehr oder wenig enthusiastischen Begrüßungszeremonien später anreisender Teilnehmer aus brandenburgi­schen Gefilden folgte das erste Referat aus westlicher Sicht mit dem Thema:

„Kirche von heute in der Welt von morgen“

unter Betonung folgender Teilaspekte:

1. Sehnsucht nach Frieden

2. Gerechtigkeit für Hungernde und Unterdrückte

3. Die Menschenwürde der Verachteten und Benachteiligten

4. Die Suche nach dem Sinn des Lebens.

In den Teilaspekten folgte der Referent den Punkten einer Botschaft an die Weltchristenheit, die von der Welt­kirchenkonferenz in Uppsala 1968 ausging und in der die Kirchen aufgerufen wurden, die „Zeichen der Zeit“ ja nicht zu übersehen und zu überhören. Dem 40-minütigen Referat folgte eine lebhafte Aussprache.

Daraus ergab sich wie von selbst das Gesprächsthema des Abends: die Ostverträge mit der Sowjet-Union und Polen. Trotz mancherlei unter­schiedlicher Standpunkte, kamen die Teilnehmer zu der Überzeugung, dass die Verträge ein neues Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte aufschlügen und den Weg zu einem besseren Mit­einander freimachten. Im Osten bangte man an diesem Abend noch über eine Ablehnung im Bundestag und malte sich die entsprechenden Folgen aus. Die Verträge wurden allseitig begrüßt.

Am zweiten Begegnungstag trafen wir uns zu einem eigenen Gottesdienst im Gemeindehaus. Nach dem Mittag­essen sollte das „persönliche Gespräch“ den Vorrang bekommen. Wir trafen uns zum zwanglosen Miteinander in dem sehr schön angelegten Tierpark wenige Kilometer nur von der Be­gegnungsstätte entfernt. Dieser persön­liche Austausch über mehrere Stunden hinweg schien uns auch diesmal wieder notwendig zu sein. Auch be­fruchtet das persönliche Gespräch jedes gemeinsam diskutierte Thema.

Der Abend galt auf Wunsch der Brandenburger dem § 218. Das in der DDR beschlossene Gesetz befriedigt of­fensichtlich nicht umfassend. Gegner der gefundenen Lösung sind vor allem auch in den Reihen der Christen zu finden. Die sehr lebhaft im Für und Wider geführten Diskussionen führten unter uns zu keinem zufrieden stel­lenden Ergebnis. Die ganze Sachlage schien den Ost-Teilnehmern noch keineswegs gesetzesreif ge­wesen zu sein. Das merkten wir auch an den unterschiedlichen Ein­stellungen im Gesprächskreis. Wie auch in der BRD die Lösung gefunden wird, ein Gesetz wird wohl immer nur bedingt den vielfältigen mensch­lichen Aspekten gerecht werden können.

Der dritte Begegnungstag stand vormittags im Zeichen des 1. Mai, im Zeichen militärischer Machtdemonstration der Volksarmee, im Zeichen der Massenkundgebung und -Vorbeimärsche an den Spitzenfunktionären von Partei und Regierung der DDR. Offensichtlich will man drüben solches Tun vorläufig noch nicht in die Mottenkiste werfen.

Der Nachmittag beinhaltete das zweite Referat des o. ä. Themas aus öst­licher Sicht. Es konnte nicht verwun­dern, dass hier viele Überschnei­dungen auftraten, denn viele der schon im ersten Referat angetippten Bereiche sind Welt-Bereiche, die die Kirche im Osten gleichermaßen mitengagiert und entsprechend mit bedenken muss.

Fazit

Wir sind wiederum sehr dankbar für die Möglichkeit einer weiteren Be­gegnung gewesen. Die Teilnehmerzahlen und die intensiv geführten Ge­spräche bewiesen das eindeutig. Das im „Rüstbrief“ anvisierte Ziel wird sich ge­wiss bestätigen. Für die finanzielle Hilfe seitens der AGEJD danken wir von ganzem Herzen.

Günter Richter