Begegnungen Baden - Berlin-Brandenburg


1988 in Ludwigslust

Ost - West - Begegnung 1988 in Ludwigslust

Nach 12 Jahren ununterbrochener Begegnung mit Christen aus der DDR könnte der Verdacht aufkommen, diese Gruppe hat sich nur noch wenig zu sagen, da ist alles schon eingefahren und für Neues nicht mehr offen. Dem ist aber nicht so. Dafür sprechen die jungen Leute, die im Laufe der Jahre dazugekommen sind, dafür spricht auch der Dialog mit immer wieder an­deren kirchlichen Persönlichkeiten. Es spricht auch dafür der stete Wechsel der Gastgemein­den. Unsere Gruppe hat auf diese Weise Brandenburg und Mecklenburg kennen gelernt, konnte Kontakte aufnehmen mit städtischen und ländlichen Gemeinden und an deren Ge­meindeleben teilnehmen und von deren Sorgen und Nöten hören. Oft sind aus solchen Ge­sprächen Anstöße für unser neues Thema gekommen.

„Was hält die Bibel von der Arbeit“, darüber wurde in diesem Jahr nachgedacht Das Thema Arbeit wurde im letzten Jahr schon behandelt, durch die biblischen Aussagen sollte dieses Thema aber vertieft werden. Bibeltexte aus dem Alten- und Neuen Testament wurden in sie­ben Gruppen gelesen und bedacht, die Erkenntnisse dann in einer Schlussrunde zusammen­getragen. Sie konnten als Hilfe für die eigene Einstellung und für einen sicheren Standpunkt dienen. — Ein jeder von uns kam schon in Situationen, wo ihm der Fluch des Sündenfalles hautnah bewusst wurde, wo er sich vor der Arbeit drücken wollte, wo er sich in die Arbeit stürzte, um zu vergessen, wo er Arbeit zu Götzen machte, wo ihm die Monotonie an Fließ­band Not bereitete und er die Arbeit als Sklaverei empfand, wo er spürte, dass seine Arbeit verflochten ist in Ungerechtigkeit gegenüber anderen Menschen. Viele mussten auch erleben, wie ihnen der Lohn der Arbeit wie Sand zwischen den Fingern zerrann. Situationen, die oft große innere und äußere Nöte verursachen, denen wir ohne sicheren Standpunkt und festem Halt nur schwer begegnen können. Arbeit in der Bibel wird nicht verachtet, es wird aber auf das rechte Maß von Arbeit und Ruhe, von Arbeit und Vertrauen zu Gott hingewie­sen. Arbeit ist eines Lohnes wert, sie wird geachtet und als Würde des Menschen empfunden, ganz im Gegenteil zum Weltbild der heidnischen Völker um das bib­lische Israel, wo Arbeit für einen freien Mann als unwürdig galt, wo Sklaven und Handwerker (Banausen) diesen Dienst tun mussten. Aristoteles nannte solche Menschen beseelte Werkzeuge. Was der Mensch erarbei­tet, daran darf er sich auch erfreuen, es wird ihm aber gesagt, dass er sich mit seiner Arbeit das Him­melreich nicht verdienen kann, ja, dass er davongehen und alles zurücklassen muss. „Herr lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug wer­den.“ Klug sein hieß für Paulus, zu arbeiten, um für den Lebensunterhalt zu sor­gen und niemandem zur Last zu fallen, dann aber Zeit haben für die Verkündi­gung der Botschaft von Jesus Christus. Er sagt einmal: „Alles was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen Jesu.“ Durch die Berufung zum Glauben an Christus wird erwartet, dass jeder seine Arbeit, seinen Beruf so aus­übt, als wäre er für Christus. So verstand es wohl auch Luther, als er den Begriff von Beruf–Berufung, der zuvor nur für Priester und Mönche galt, auf alle Stände ausweitete. Ein jeder sollte mit seiner Arbeit Gott dienen. Was für ein hoher An­spruch. Wie schwer es in unserer Zeit worden ist, ihn zu erfüllen, wurde schon angedeutet. Christen haben aber die Chance, sich immer wieder neu am Evangelium auszurichten, um so den Anforderungen und Entscheidungen dieser unserer Zeit gewachsen zu sein. Menschen ohne feste Wurzeln sind jeder neuen Meinung, jedem Trend, auch jeder politischen Strömung ausgeliefert und werden entsprechend ausgenützt. Die Folge davon sind Verunsicherung und Opportunis­mus. In man­chen Gesprächen war das in diesem Jahr besonders zu spüren. An­sätze zu mehr Offenheit und einem Dialog zwischen Marxismus und Christentum, wie er in dem DDR-Film „Einer trage des anderen Last“ aufgezeigt wird, können nicht wirkungsvoll weitergeführt werden, da zwar der Film in den öffentlichen Kinos gezeigt werden kann, eine Gesprächsbereitschaft von staatlichen Stellen aber nach wir vor abgeblockt wird. Verunsicherung verursachen auch die Ausrei­sewilligen, da inzwischen nicht mehr nur Aussteiger oder politisch Oppositionelle einen Antrag stellen, sondern auch privilegierte Bürger. Auf diese Entwicklung ha­ben die Regierenden noch keine Antwort, sie wissen nicht, wie sie reagieren sollen. In dieses Bild passen auch die ständigen Zeitungsmeldungen über großartige Soller­füllung und neue Ziel­setzungen, obwohl jedermann auf der Straße weiß, dass die an­gegebenen Zahlen und Er­folgsmeldungen nicht der Wahrheit entsprechen. Nicht nur aufgrund der Ereignisse in der UdSSR, sondern auch aufgrund tiefer innerer Verun­sicherung erklingt der Ruf nach öffentlicher Diskussion und nach einer Neuaus­richtung immer öfter und lauter. Die größeren Reise­möglichkeiten in den Westen werden freudig angenommen, sie machen aber auch die großen Unterschiede zwi­schen Ost und West erst recht deutlich. Oft wurde von einem Schock ge­sprochen, der zuerst überwunden werden musste, oft auch vom Zorn darüber, dass in der DDR selbst die nötigsten Dinge nur schwer zu bekommen sind, obwohl doch auch viel und lange gearbeitet wird. Es ist unüberhörbar, wie nach Ursachen solch einer Entwick­lung ge­fragt und Kritik am eigenen System geübt wird, Kritik auch an der Sinnlosig­keit vieler Ver­ordnungen und Posten. Nicht nur Kritik, auch Resignation macht sich breit, da niemand so recht weiß, wie es weitergeben soll.

So Gott will und wir leben, soll unsere Begegnung auch im kommenden Jahr statt­finden. Wir sind im kirchlichen Zentrum in Hirschluch angemeldet.

Walter Zipf